Wenn nichts mehr so ist, wie es vorher war.
Einfach wieder leben lernen. Nach einem Schlaganfall, nach einer schweren Kopfverletzung oder nach einer neurologischen Erkrankung ist das gar nicht so einfach. Die ständige Weiterentwicklung in der Akutmedizin und in der medizinischen Rehabilitation erhöht die Überlebenschancen von vielen Menschen mit Schädelhirntrauma und anderen neurologischen Erkrankungen.
Aber was kommt danach?
Sind die Therapien abgeschlossen, fehlt meist eine weitere Unterstützung um die neue Lebenssituation zu meistern und die Weichen für eine positive Zukunft zu stellen. Genau das ist das Tätigkeitsfeld der Soziale Neurorehabilitation. Die Betroffenen, aber auch die Angehörigen, so zu unterstützten, so zu ermutigen, dass sie wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, aber auch zu akzeptieren, mit gewissen Beeinträchtigungen zu leben.
Ein wenig sperrig und neu klingt er schon, der Begriff der Sozialen Neurorehabilitation. Ist auch so, denn erst seit zwei Jahren wird über das Sozialressort des Landes Steiermark, auf Initiative von LR Kurt Flecker die Soziale Neurorehabilitation, finanziert, die österreichweit einzigartig ist.
Im Rahmen der Sozialen Neurorehabilitation werden individuelle Förder- und Entwicklungspläne erstellt und umgesetzt, werden Fertigkeiten des Alltags trainiert, es wird die Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistung verbessert und es werden schulische Leistungen aufgefrischt. Tagsüber passiert das im Schulungsgebäude des BBRZ in Kapfenberg, gewohnt wird vollzeitbetreut im BBRZ-Wohnhaus. Vollzeitbetreuung heißt, dass mit den Betreuern der ganz normale Alltag trainiert wird und eine aktive Freizeitgestaltung erarbeitet wird.
Mit 46 fängt das Leben wieder an.
46 Jahre ist Herbert Egger jetzt alt und zunächst ist in seinem Leben alles so verlaufen, wie bei den meisten Menschen auch: Glückliche Kindheit, Besuch der Pflichtschule, abgeschlossene Lehre, Freizeit und Sport mit Freunden und die Aussicht auf ein eigenes Heim. Doch dann hat ein schwerer Sportunfall all das zunichte machte. Wochenlang stand es auf des Messers Schneide, ob der damals 23-Jährige überleben wird und wenn ja, wie. Was seine Familie damals durchgemacht hat, lässt sich nur schwer beschreiben. „Jeden Tag sind wir zu ihm gefahren als er noch im Koma lag“, erinnert sich seine Mutter. In den darauf folgenden Jahren wurde sie zur großen Stütze ihres Sohnes, vor allem als sie wusste, dass er zunächst im Rollstuhl sitzen wird und durch sein schweres Schädelhirntrauma nicht mehr der sein wird, der er einmal war. Durch Zufall erfuhr sie im Vorjahr von der Sozialen Neurorehabilitation und war sofort begeistert. Neun Monate arbeitete Herbert Egger dort mit seinen Betreuern intensiv an sich und entdeckte dabei auch neue Vorlieben, wie die zum Töpfern. Dass er jetzt in einer Lebenshilfe-Werkstätte arbeitet, ist das Ergebnis und ein bedeutender Schritt in ein neues Leben.
Intensiver schauen und leben gelernt.
Wer bei einer zierlichen jungen Frau in den letzten Wochen im Grazer Kunsthaus oder im Volkskundemuseum Informationen einholte, mag bemerkt haben, dass sie ihre rechte Hand und ihren rechten Fuß nur eingeschränkt benutzen kann. Sonst deutet nichts mehr darauf hin, welches Schicksal sie in den letzten fünf Jahren gemeistert hat. 25 Jahre war Stefanie Grebien alt, als sie zu jenen Menschen zählte, die in jungen Jahren einen Schlaganfall erlitten. Kurz vor der Beendigung ihres Studiums für Bildhauerei und Fotografie stand sie damals, als plötzlich nichts mehr so war, wie vorher war und sie einfache Dinge des täglichen Lebens wieder erlernen musste. Stefanie Grebien haderte nicht mit ihrem Schicksal: sie beendete mit Unterstützung ihrer Mutter ihr Studium: sie diktierte auf Band, weil lesen und schreiben konnte sie nicht mehr. Vom Sommer des Vorjahres bis Ende Jänner 2008 war sie in der Sozialen Neurorehabilitation im BBRZ und trainierte die Grundkulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen und wurde dort in ihren sozialen Kompetenzen bestärkt und gestützt.
Im Anschluss an die Soziale Neurorehabilitation startete Frau Grebien in der Beruflichen Rehabilitation: Zurzeit absolviert sie Praktika in Grazer Museen und blickt optimistisch in die Zukunft. „Eigentlich habe ich durch meinen Schlaganfall intensiver schauen und leben gelernt“, findet sie mittlerweile durchaus auch positive Seiten ihrer Erkrankung.
Wer kann die Soziale NeuroReha in Anspruch nehmen?
Dieses Angebot richtet sich an Erwachsene und Jugendliche nach der medizinischen Rehabilitation
bei neurochirurgischen Eingriffen,
nach Hirn- und Hirnhautentzündungen,
nach Schlaganfällen,
nach Schädelhirntraumata,
oder bei chronisch fortschreitenden neurologischen Erkrankungen wie
bei Multipler Sklerose
bei Epilepsie oder
bei Neuro-degenerative Systemerkrankungen
Um diese Maßnahme in Anspruch zu nehmen, muss ein Antrag auf „Soziale Neurorehabilitation“ im Rahmen des Steiermärkischen Landesbehindertengesetzes bei der Heimatgemeinde oder bei der zuständigen Bezirkshauptmannschaft gestellt werden. Die Begleitung im BBRZ wird zwischen 6 und 9 Monaten bewilligt.
Für weitere Fragen: 03862/2992-2689 (Mag. Anna Schröttner)
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